So, ich komme dann mal zum Abschluss meiner KNALLER-Song-Kommentierungsaufgabe. Zum Glück, war gar nicht so einfach die Balance zwischen zu viel und zu wenig, Ernst und Quatsch zu halten. Ist mir wahrscheinlich auch nicht gelungen. Richtig, „Schmalspurgunner“ fehlt noch, aber der ist auch nicht auf meinem Mist gewachsen, Frau Fernsehkopf übernehmen sie.
Es ist ja offensichtlich, dass „Nackt Sehen“ aktuell eine herausragende Stellung im PONTIFEX-Song-Universum einnimmt. Daher verdient der Song auch einen besonderen Kommentar, nämlich einen, der sich mit dem Innenleben der Band beschäftigt (ich sehe an dieser Stelle schon das nervöse Zucken und Zähneklappern der Herren Pontifices vor mir).
Die Frage: Wie kommt eine Band eigentlich zu ihren Liedern. Hier hilft das kleine Rocklexikon: S wie Songschreiber. Es gibt ja sehr verschiedene Wege für eine Band Songs zu entwickeln. Die einen jammen stundenlang. Oder einer hat sich ein geiles Gitarrenriff ausgedacht und dann wird gemeinsam daran rumgezaubert. Oder einer schreibt Musik und ein anderer die Texte, in welcher Reihenfolge auch immer. Am langweiligsten erscheint die Vorstellung, dass einer sich einen Song ganz alleine ausdenkt. Genau so ist das aber in aller Regel bei uns.
Ich weiß bei ziemlich vielen Songs noch wie und wo sie entstanden sind. Das Faszinierende an jeder Art von Kreativität, sei es also Musik, Kunst, Literatur oder Lego bauen, ist der schöpferische Geist, der dem Prozess innewohnt. Der größte „Flash“ in meinem Musikerdasein, noch größer als das Adrenalin auf der Bühne, ist es für mich, wenn die Ideen in meinem Kopf plötzlich von dieser geilen Band gespielt den Weg zurück in mein Ohr finden. Als Zugabe: Den Song dann irgendwann als Konserve hören zu können. Zweite Zugabe: Der Song gelangt in die Hirnwindungen anderer, die ich gar nicht kenne. Und sie nehmen sich ihre kostbare Zeit sich damit auseinanderzusetzen. Sei es zur reinen Unterhaltung oder weil sie darin für sich was Interessantes finden (z.B. die satanischen Botschaften die man hört, wenn man die CD rückwärts laufen lässt). Dritte Zugabe: Diese netten Menschen, also solche wie Du, stehen vor der Bühne und trällern meine eigenen Worte zurück in mein Ohr und in meinen Gulliver, wo sie vor geraumer Zeit mal entstanden sind. Dann schließt sich der Kreis, ein immer schönes Wiedersehen. So denke ich manchmal, also weniger während des Konzertes, sondern eher in der Rückschau, milde lächelnd über den Weg des einen oder anderen Songs nach.
Ach so, Du willst jetzt wissen wie „Nackt Sehen“ entstanden ist? Na gut, der hat schließlich eine besondere Geschichte. Vorher werde ich Euch aber noch langweilen, in dem ich erkläre, wie Songs bei mir normalerweise entstehen: Am besten ist es natürlich, wenn Musik und Text gleichzeitig aus dem Ärmel geschüttelt kommen. Das ist nur leider fast nie so. Meistens ist es nur eine winzige Idee, ein paar gut aneinander gereihte Wörter und dazu am besten noch die Hookline. Die restlichen 95 % des Songs müssen dann mühsam erarbeitet werden. „Nackt Sehen“ ist anders entstanden. Die Gedenktafel für diesen Song muss nämlich in der Spadina Avenue in Toronto-Chinatown aufgehängt werden. Dort ist mir nämlich 1999 der Text eingefallen. 1999? Richtig, das war noch vor der pontifikalen Zeitrechnung. Der Song sollte eigentlich für meine damalige Band PiNKELPAUSE sein. Leider ist mir aber keine griffige Musik eingefallen. So verschwand dieses Werk erst mal für einige Zeit in der Schublade. Es hat dann ein paar Jahre engagierten Turbonegro-Hörens und die Gründung einer neuen Kapelle gebraucht um den Text in die musikalische Form zu gießen, in die er schon immer gehörte. Topf auf Deckel, Faust auf Auge. Manche Dinge brauchen halt etwas länger um zu reifen, wer wüsste das besser als die vatikanische Punkpoprockgemeinschaft PONTIFEX… Turbonegro, sollte man so was zugeben? Nennt man das wohl Inspiration oder Diebstahl? Ist auch egal, „sich bedienen“ passt wohl am ehesten. Genau wie die Norweger es einst bei den Ramones taten (Hör mal mit diesem Ohr „I just wanna have something to do“ oder „I believe in miracles“) und die Ramones haben diese Art von Riff sicher auch nicht erfunden.
Wie dem auch sei, entstanden ist ein zu Recht gefeierter Song, der textlich gar nicht so prollig ist, wie es im ersten Moment scheint. Es geht nämlich in Wahrheit um Ästhetik. Genauer gesagt um die Ästhetik des weiblichen Aktes. Nicht weniger kann mein Anspruch sein, schließlich sehe ich mich diesbezüglich in einer Reihe mit Albrecht Dürer, Henri Matisse, Gustav Klimt, Auguste Rodin, Helmut Newton und Hugo-Egon Balder.
Am Rande bemerkt: Bisher sind bei uns zwei Angebote eingegangen, den Song kommerziell nutzen zu wollen, die wir leider beide abschlägig behandeln mussten. Die erste Anfrage kam vom Deutschen Verband für Freikörperkultur, der Anrufer hat aber zu stark gesächselt, so dass ich ihn nicht verstanden habe. Die zweite Anfrage kam von der Bundesregierung, die damit einen Werbetrailer produzieren und gleich vor die Tagesschau setzen wollte. Leider hatten die aber den Refrain falsch verstanden. Es heißt ja nicht „Ich will Dich nackt scannen…“
E. Alles
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Nackt Sehen – Download
Mädchen an der Bar sieht super aus wie wunderbar,
Weiß sich auch gut zu benehmen, kennt sich aus bei allen Themen,
Quatscht mich voll, ich kann’s nicht fassen, tut mir leid, da muss ich passen.
Mir reicht das jetzt, das ist zu viel, ich sag´, was ich tief in mir fühl´:
Kannst Du das nicht verstehen?
Ich will Dich nackt sehen, nur einmal nackt sehen,
Nur mal anschauen und dann einfach weitergehen!
Mädchen schaut mich an, sagt ich sei ihr Supermann,
Augenklimpern, Komplimente, Beine fühlen ihre Hände,
Flüstert was von Missionaren, die ganze Sache sehr verfahren,
Ein Wasserbett, auf dem wir landen, da hat sie wohl was missverstanden:
Kannst Du das nicht verstehen? Kannst Du das nicht verstehen?
Ich will Dich nackt sehen…
Man kann auch nachts sehen, wenn Katzenaugen durch die dunklen Straßen gehen,
Man kann auch angezogen blind sein und die Welt verstehen!
Ich will Dich nackt sehen…
Ich will Dich nackt sehen, nur einmal nackt sehen,
Vielleicht wird sich die Welt dann auch mal anders drehen.
Bildquelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a2/Naked_girl_from_back-Courbet-169.jpg
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